Ich bin jener,
der an meiner Seite geht,
ohne dass ich ihn erblicke,
den ich oft besuche,
und den ich oft vergesse.
Jener, der ruhig schweigt, wenn ich spreche,
der sanftmütig verzeiht, wenn ich hasse,
der umherschweift, wo ich nicht bin,
der aufrecht bleiben wird, wenn ich sterbe.
Jiménez
Dieses Engelbild gehört zur Engelraum-Installation: hier
Mein Engel, der mich schützt, den ich verließ, du,
Um diesen schönen Leib, weiß wie ein Fliedervlies, du,
Ich bin allein heut. Halte meine Hand in deiner Hand.
Mein Engel, der mich schützt, den ich verließ, du,
Als Kraft mir meinen Freudensommer sprossen ließ, du,
Ich bin betrübt heut. Halte meine Hand in deiner Hand.
Mein Engel, der mich schützt, den ich verließ, du,
Als ich verschwendend mit den Füßen Goldherbst stieß, du,
Ich bin verarmt heut. Halte meine Hand in deiner Hand.
Mein Engel, der mich schützt, den ich verließ, du,
Als ich beim Schnein auf Dächer träumte dies und dies, du,
Ich weiß nicht mehr zu träumen. Halte meine Hand in deiner Hand.
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,
die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.
Den Hungernden hat er Brot gebracht,
der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
und er hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht,
der Engel.
Er steht im Weg und er sagt: Nein,
der Engel,
groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –
es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Man hat euch die weißen Kleider genommen,
die Flügel und selbst das Sein,
ich glaube euch dennoch,
Boten.
Die umgestülpte Welt,
das schwere Gewebe, bestickt mit Sternen und Tieren,
durchwandelt ihr, die wahrhaftigen Nähte betrachtend.
Ihr rastet hier kurz,
wohl in der Morgenstunde bei klarem Himmel,
in der Melodie, die ein Vogel nachsingt,
oder im Duft der Äpfel im Abenddämmer,
wenn Licht die Gärten verzaubert.
Man sagt, es hätte euch jemand erdacht,
doch mich überzeugt das nicht.
Die Menschen haben sich selbst genauso erdacht.
Die Stimme – ist wohl Beweis,
weil sie ohne Zweifel von klaren Wesen herkommt,
die leicht sind, beflügelt ( warum auch nicht ),
mit Blitzen gegürtet.
Ich habe im Traum diese Stimme manchmal vernommen
und, was noch seltsamer ist, in etwa verstanden
den Ruf oder das Gebot in der überirdischen Sprache:
bald ist es Tag,
noch einer,
tu, was du kannst.
Manchmal,
in seltenen Stunden,
spürst du auf einmal
nahe dem Herzen, am
Schulterblatt schmerzlich
die Stelle, an der uns,
wie man erzählt, vor
Zeiten ein Flügel bestimmt
war, den wir verloren.
Manchmal
regt sich dann
etwas in dir, ein Verlangen,
wie soll ich’s erklären,
ein unwiderstehliches Streben,
leichter und freier zu leben
und dich zu erheben und
hoch über allem zu schweben.
Manchmal,
nur einen Augenblick lang –
dann ist es vorbei –
erkennst du dein wahres
Gesicht, du ahnst, wer du
sein könntest und solltest.
Dann ist es vorbei.
Und du bist, wie du bist.
Du tust, was zu tun ist.
Und du vergisst.
Wenn ich einmal im Lebensland,
im Gelärme von Markt und Messe –
meiner Kindheit erblühte Blässe:
meinen ernsten Engel vergesse –
seine Güte und sein Gewand,
die betenden Hände, die segnende Hand, –
in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten,
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand…
Engel wenn du ihn suchst
er ist Erde
zwischen den Steinen am großen Berg
bereit aufzustehen
wenn du ihn rufst
wenn du ihn rufst
ohne Macht
ohne Herrlichkeit
ruf wie ein Bruder
wenn du ihn suchst….